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Wie Narrative Tourismus prägen

Dieser Beitrag ist quasi ein re-upload, oder vielmehr eine "Veröffentlichung" einer meiner Hausarbeiten aus dem Studium. Und zwar habe ich mich im Frühjahrssemster 2022 im Zuge einer meiner Vorlesungen an der Universität Zürich intensiv mit dem Thema Alpinismus - und besonders mit Tourismus - auseinandergesetzt.

Im folgenden Text wird die Frage diskutiert, wie Narrative touristische Handlungen in den schweizer Alpen formen und eine Veränderung dieser Narrative, auch im Anblick von Massentourismus, zu einem nachhaltigeren Tourismusmodell führen können. Der Beitrag ist also etwas "härtere" Lektüre als gewohnt, aber nichtsdestotrotz wünsche ich dir viel Spass beim lesen!


Veränderungen des Alpen-Narratives

In seinem Vortrag «Lust am Schrecken: Die Erfindung der Alpen als Intensitätsgelände im 19. Jahrhundert»[1], stellt Valentin Groebner gleich zu Beginn fest, dass die Alpen viel mehr als nur die raue Materie sind, aus der sie bestehen. Die ‘Alpen’ als Ort werden, neben ihrer physischen Beschaffenheit, auch durch Narrative, beispielsweise in medialen Inhalten, geformt, die zu unserer Wahrnehmung dieses Raums beitragen. Er bezeichnet diese Narrative als «mediale Gefühlserzeugungs-Aggregate», welche weitreichende Folgen für die Wahrnehmung von Raum und die darin vorhandenen Handlungsmöglichkeiten haben.


Wie prägend solch mediale Inhalte im weitesten Sinne waren, zeigt sich am Beispiel der Stadt Luzern. Bis ins 18. Jahrhundert wird diese stets als unspektakulärer Ort am See beschrieben. Doch dann bekommt sie durch Reiseberichte ein anderes Image. 1804 beschreibt der deutsche Gelehrte Arthur Schopenhauer in seinem Reisetagebuch Luzern wie üblich als «kleines, schlechtgebautes, menschenleeres Städtchen. Aber die Aussicht ist göttlich.» Und dieser zweite Satz ist neu. Plötzlich wird die Stadt für ihre schöne Aussicht auf die Berge und für ihre idyllische Umgebung gelobt. Dieser Reisebericht Schopenhauers und seine Beschreibung von Luzern sind Ausdruck einer grundlegenderen Neuinterpretation des alpinen Raums in der Schweiz.


Das neue Narrativ, das schon seit dem 18. Jahrhundert existiert, aber erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts so richtig ins Rollen gerät, ist das einer «geträumten Urwelt voll urchigen Hirten und Hirtinnen, die ein freies Leben führen.» Diese vorgestellte, idyllische Urschweiz ist es, die nun zahlreiche Touristen anzuziehen beginnt und die den Reisenden auch immer wieder neu aufgetischt wird. Der Tourismus schafft eine «neue Vergangenheit», indem er den Gästen dasselbe Narrativ, welches die Härte des eigentlichen alpinen Lebens verdrängt, immer und immer wieder anbietet.


Die Herausbildung dieser neuen Bilder ging beim alpinen Tourismus in der Schweiz auch mit einer Intensivierung des Angebots einher, das bis heute anhält. Die Reise in die Natur ist stets eine Selbsterfahrung und zentriert sich um das eigene «ich». «Alpintourismus beruht auf der Fiktion, dass die Besucher an einem bestimmten Punkt (und nur dort!) in die Urwildnis eintauchen können, ohne dass ihre eigene Zugehörigkeit zur Moderne in Frage gestellt wird.» Diesem Umstand ist auch das touristische Angebot angepasst, das in einem Selbstbestätigungs-Loop die Intensität der Alpenreise für die Besucher zu verstärken versucht.


Paradox des Tourismus

Die Neuinterpretation dieses (vor-)alpinen Raums führt dazu, dass Luzern, genauso wie andere Städte in den Voralpen (z.B. Montreux oder Interlaken), für ausländische Touristen interessant wird. War die «Schweizer Reise» bis anhin eine Unternehmung, die nur reichen, meist ausländischen, Eliten vorbehalten war, wurde sie plötzlich zum Pflichtprogramm des bessergestellten, immer noch meist ausländischen, Bürgertums.


Dieser Umstand führte, wie bereits erwähnt, dazu, dass sich die Stadt Luzern völlig veränderte. Von der Stadt aus traten viele der Touristen ihre Reise in die Alpen an. Um sie zu befördern wurden Dampfschiffe und Eisenbahnen, aber auch Hotels gebaut und touristische Angebote erstellt.[2] Dies veränderte einerseits das Landschaftsbild der (Vor-)Alpen und führte andererseits dazu, dass ein ganzes Gebiet in der Schweiz intensiv erschlossen und für die Massen zugänglich wurde. Dieser Umstand bringt selbstredend unzählige Implikationen und Veränderungen für das Leben in diesem Raum mit sich.


Die Veränderung des Alpen-Narratives von einer rauen Gefahrenzone hin zum unberührten, idyllischen Naturwunder, führt zu einem Paradox. Denn einerseits wird diese Naturwelt ein erstrebenswertes Reiseziel für die reichen, ausländischen Touristen, die mit modernster Beförderungstechnik bequem tief in die unberührte Landschaft eintauchen können. Andererseits führt die Bereitstellung eben jenes Angebots dazu, dass Landschaft erschlossen wird und eben nicht mehr unberührt ist.


Das Paradox liegt also darin, dass der praktizierte Tourismus die Räume, die er den Gästen eigentlich anbieten will, zerstört. Deshalb muss er immer weiter neue Leerräume schaffen. Um diese anbieten zu können, müssen diese aber wieder erschlossen werden und so weiter. Es profitieren also vor allem die Menschen von Tourismus, die Immobilien in den touristischen Räumen besitzen, da sie die benötigten Flächen bereitstellen können. Aber diese «Raumbeschaffung» kann unter Umständen auch radikal umgesetzt werden. So geschehen beispielsweise in den 1820er Jahren, als landlose Arme aus der Innerschweiz vertrieben wurden oder 1835 als in Luzern die mittelalterliche Hofbrücke vor dem Hotel «zum Schwanen» einfach abgerissen wurde, da sie die Aussicht nach Süden für die noblen Gäste störte.


Dieses Tourismusmodell hat also ein Problem, sobald der Raum, den es anbieten will, begrenzt ist. Dass die Umschiffung dieser Problematik bei einem Modell, das seinen Gästen die Illusion von unberührter Natur und intensiver Erfahrung zeigen will, eine besondere Herausforderung darstellt, ist klar. Denn irgendwann ist auf jeden Gipfel eine Bergbahn gebaut, alle Skigebiete sind verbunden und jeder Forstweg ist auch eine Mountain-GoKart-Strecke.


Lösungsansätze

Nachhaltiger Tourismus kann eine Lösung für dieses Problem bieten. In diesem modernen Tourismusmodell spricht man von Effizienz und Suffizienz.[3] Ersterer Ansatz hat zum Ziel, mit weniger oder bestehenden Ressourcen (beim jetzigen Modell wäre dies der Raum), denselben Output zu erzielen. Zweiterer Ansatz pocht auf eine Selbsteinschränkung des Tourismus.


Ohne auf die ökologischen und sozialen Fragen einzugehen, die nachhaltiger Tourismus ebenfalls beantworten möchte, denke ich, dass diese zwei Ansätze auch auf einer rein logischen Ebene für ein Tourismusmodell Sinn ergeben. Denn Raum ist eine begrenzte Ressource, die nicht in unendlichen Mengen zur Verfügung steht. Und wenn Alpenreisenden auch in Zukunft das geltende Narrativ des unberührten Naturwunders geboten werden soll, muss sich die Tourismusbranche einen Strategiewechsel überlegen.


Klar wird eine Veränderung des touristischen Angebots auch die geltenden Narrative und touristischen Bilder verändern. Dass dies aber nicht zwingend zu einem schlechteren Output führen muss, zeigen andere touristische Regionen.


Eine Möglichkeit auf dem Weg hin zu nachhaltigerem Tourismus kann beispielsweise bei der Einschränkung und Regulierung von Besucherzahlen liegen. Ein Ansatz, den die vielbesuchte Lagunenstadt Venedig gewählt hat. Hier hat man beschlossen an strategischen Punkten Drehkreuze aufzustellen, um die Besuchermassen besser kontrollieren zu können, da diese ein Grössenausmass erreicht haben, wo die Lebensqualität in der Stadt durch die Zahl der Besucher leidet.[4] Das ist eine sehr einfache Lösung mit grosser Wirkung, die allerdings einen Haken hat. Damit ein solcher, suffizienter Ansatz auch effizient ist, müssten die kleineren Mengen an Gästen, aber mehr Geld ausgeben, damit die Stadt am Ende des Tages denselben Output mit den touristischen Einnahmen erzielt.


Wie diese Mehreinnahmen pro Kopf gesichert werden können, zeigt ein Beispiel aus dem alpinen Raum. Die österreichische Marktgemeinde Hallstatt, eine kleine, malerische Ortschaft am gleichnamigen See gehört zur UNSECO-Welterbestätte «Hallstatt-Dachstein-Salzkammergut», und wird jährlich von gegen 1 Million, vorwiegend asiatischer Touristen besucht.[5] Da hier die Anreise der Besucher hauptsächlich über Reisebusse erfolgt, werden die Reiseanbieter dazu verpflichtet, eine Gebühr zu entrichten, wenn sie Hallstatt anfahren möchten. So sinkt einerseits die Gesamtanzahl der täglichen Besucher, welche aber andererseits durch die Mehreinnahmen durch die Anreisegebühr kompensiert werden. Allerdings kommt diese Gebühr in erster Linie der Gemeinde zugute, welche die Parkfelder betreibt, während die lokalen Angebote wie der Salzstollen, mehr von höheren Besucherzahlen profitieren würden.


Veränderungen am bestehenden Modell können also Lösungen für bestehende Problematiken des Tourismus bringen und ihn nachhaltiger machen. Allerdings schafft das auch immer wieder neue Spannungen, die abermals neue Lösungsansätze benötigen. Welche neuen Ansätze am Ende gewählt werden ist weniger zentral, als dass moderner Tourismus ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass er selbst die Narrative und Bilder schaffen kann, die auch die touristische Situation an einem Ort prägen, und dass er so schlussendlich selbst bestimmt, wie er aktuellen Herausforderungen begegnen möchte.


 

Quellen:

[1] In denÜberlegungen und Ausführungen dieses Blogbeitrages beziehe ich mich jeweils auf den Vortrag „Lust am Schrecken: Die Erfindung der Alpen als Intensitätsgelände im 19. Jahrhundert“ von Prof. Dr. Valentin Groebner. Dieser Vortrag fand im Rahmen der „Ringvorlesung Alpinismus“ an der Universität Zürich am 24.03.2022 statt.

[2] Vgl. Devanthéry, Ariane: Schweizerreisen. In: Historisches Lexikon der Schweiz HLS. URL: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/024575/2015-01-05/ [Stand: 03.06.2022].

[3] Vgl. Rein, Hartmut / Strasdas, Wolfgang: Nachhaltiger Tourismus. München 2017. S. 14.

[4] Vgl. SDA/APA: Venedig stellt Drehkreuze zur Regelung der Touristenströme auf. In: NZZ. URL: https://www.nzz.ch/panorama/venedig-stellt-drehkreuze-zur-regelung-der-touristenstroeme-auf-ld.1381613 [Stand: 06.06.2022].

[5] Vgl. Dachstein-Salzkammergut: UNSECO Weltkulturerbe. URL: https://dachstein-salzkammergut.com/de/service-infos/faq-infos/unesco-weltkulturerbe/ [Stand: 06.06.2022].

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